Wohnungsnot verschärft Lage für Gewaltopfer in Flensburg
| von Thomsen / Foerde.news
Flensburg – Wohnungsnot verschärft Gewaltproblematik in Flensburg
Der Schutz vor häuslicher Gewalt gerät in Flensburg zunehmend an seine Grenzen – vor allem wegen der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt. Weil betroffene Frauen und Kinder nur schwer eine eigene Wohnung finden, bleiben sie länger im Frauenhaus. Dadurch sind Plätze für akute Notfälle immer häufiger blockiert. Darauf machen die SSW-Ratsfraktion und das Linke Bündnis aufmerksam, die gemeinsam zwei Initiativen in die städtischen Gremien einbringen.
Im Mittelpunkt stehen zum einen eine bessere Unterstützung gewaltbetroffener Schwangerer, zum anderen die verbindliche Berücksichtigung von Wohnraumkontingenten für Gewaltopfer in der Stadtplanung. Besonders die Situation schwangerer Frauen sei bislang weitgehend unsichtbar, kritisieren die Fraktionen.
Nach Angaben der SSW-Ratsfraktion liegen der Stadtverwaltung derzeit keine konkreten Daten zum Umfang von Partnerschaftsgewalt in der Schwangerschaft vor – obwohl Fachberatungsstellen darauf hinweisen, dass das Risiko in dieser Lebensphase steigt. Auch dauerhaft verankerte Unterstützungsangebote über die Flensburger Schwangerschaftsberatungsstelle hinaus gibt es bislang nicht. Die Fraktionen fordern daher eine systematische Erfassung dieser Fälle sowie die Prüfung verstetigter Beratungs- und Unterbringungsstrukturen.
Henning Schockemöhle, Mitglied im Gleichstellungsausschuss, spricht von einer „erschreckenden Erkenntnis“, dass das Risiko für Partnerschaftsgewalt ausgerechnet während der Schwangerschaft steige, die Stadt aber keine belastbaren Zahlen dazu habe. Man brauche „eine klare Datengrundlage, um passgenaue Beratungsangebote und spezialisierte Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen, die über die bereits jetzt völlig überlasteten Kapazitäten hinausgehen“, so Schockemöhle. Allgemeinere Maßnahmen seien kurzfristig notwendig, da die Abweisungszahlen gewaltbetroffener Frauen und Kinder in Flensburg bereits in einer Größenordnung lägen, „die sich nahe an den gesamten Schutzkapazitäten des Landes Schleswig-Holstein befindet“.
Die Situation im Flensburger Frauenhaus unterstreicht den Handlungsdruck: Im Jahr 2024 mussten nach Angaben der SSW über 430 Frauen und Kinder wegen fehlender Plätze abgewiesen werden – deutlich mehr als in den Vorjahren. Hauptursache für die Überlastung sei die mangelnde Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum, die die Verweildauer der Betroffenen im Hilfssystem verlängere. Als Konsequenz beantragen SSW und Linkes Bündnis, die Unterbringung von Gewaltbetroffenen künftig als festen Bestandteil in Entwicklungsgesprächen zum Geschosswohnungsbau zu verankern.
Michaela Blumenberg, gleichstellungspolitische Sprecherin der SSW-Fraktion, warnt: „Der Schutz vor Gewalt scheitert in Flensburg immer öfter an der Wohnungsnot. Da Betroffene kaum eigenen Wohnraum finden, bleiben sie länger im Frauenhaus, wodurch Plätze für akute Notfälle blockiert werden.“ Ein Neubau des Frauenhauses allein werde das Problem nicht lösen. Vielmehr müsse die Integration in eigenen Wohnraum – etwa durch Projekte wie „Frauen_Wohnen“ oder „NeuStart“ – bereits in der Planungsphase neuer Bauprojekte strukturell mitgedacht werden. „Ein sicheres Zuhause ist die Grundvoraussetzung für ein Leben in Freiheit“, so Blumenberg.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind eng an die „Strategie Flensburg 2030+“ gekoppelt. Eine Evaluation ist zum 1. Januar 2030 vorgesehen – zwei Jahre bevor der bundesweite individuelle Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung nach dem Gewalthilfegesetz in Kraft tritt. SSW und Linkes Bündnis wollen damit sicherstellen, dass Flensburg rechtzeitig stabile Strukturen aufbaut, um den Schutzauftrag gegenüber allen gewaltbetroffenen Personen umfassend erfüllen zu können.