Winterfalle Gehweg: Schnee nimmt Blinden die letzten Orientierungspunkte

 |  von Thomsen / Foerde.news

Für Blinde wird der Schnee zum Gefängnis - Fotos: Thomsen

Flensburg – Wenn Schnee und Eis die Gehwege in Flensburg überziehen, wird aus einem alltäglichen Weg schnell eine riskante Strecke – besonders für blinde und sehbehinderte Menschen. Klaus Heide (77) beschreibt im Gespräch, wie sehr er auf feste, ertastbare Hinweise angewiesen ist: Ecken, Einfahrten, Gitter, Bordsteine, kleine Vorsprünge. Genau diese Orientierungspunkte verschwinden jedoch unter einer geschlossenen Schneekante.

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„Dann merke ich mit Glück, dass ich an der Ampel bin – wenn eine da ist“, sagt Heide. Besonders gefährlich werde es an Abzweigungen und Seitenstraßen: Sind Bordsteine und Kanten zugeschneit, könne es passieren, dass er den Übergang nicht bemerkt und ungewollt auf die Fahrbahn gerät.

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Wie viele Menschen in der Stadt davon betroffen sind, lässt sich zumindest teilweise über die Zahl der Ausweise ablesen: In Flensburg sind 98 Schwerbehindertenausweise mit dem Merkzeichen „Bl“ für „blind“ im Umlauf. Das erklärte Christoph Münster, Abteilungsleiter für Staatlichen Arbeitsschutz, Schwerbehindertenrecht und den Ärztlichen Dienst beim Landesamt für Arbeitsschutz, Soziales und Gesundheit Schleswig-Holstein, auf Nachfrage von Förde.news.

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Heide ist von einer fortschreitenden Augenerkrankung betroffen, die sich bei ihm schleichend entwickelte und in der Familie bereits mehrfach vorkam. Nach eigenen Angaben war er schon früh nachtblind, seit 1998 nutzt er für die Orientierung einen Langstock. Auf dem rechten Auge ist er seit Mitte der 2010er-Jahre vollständig blind, links blieb ihm nur ein minimaler Sehrest – ein kleiner Punkt, mit dem er bei gutem Licht noch Umrisse und Bewegungen erahnen kann.

Leitlinien als Rettungsanker – wenn sie frei sind

Ein zentrales Thema sind taktile Bodenmarkierungen, die mit dem Langstock ertastet werden können. Sie sollen blinden und sehbehinderten Menschen sichere Wege weisen – doch im Winter verschwinden sie häufig unter Schnee. Heide fordert deshalb, dass dort, wo solche Elemente verbaut sind, sie prioritär freigeräumt werden: „Nicht nur Blinde profitieren, auch Sehbehinderte haben dann eine Chance.“

Ähnliche Kritik kommt von Jordan Smith, Sprecher der Regionalgruppe Flensburg im Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein. Er schildert, dass die Orientierung im Winter besonders schwierig sei, weil viele Betroffene nicht mehr sicher erkennen könnten, wann sie noch auf dem Gehweg sind – und wann sie bereits auf die Straße geraten. Positiv sei, dass fremde Personen in solchen Situationen häufig hilfsbereiter reagierten. Zugleich moniert Smith, dass ausgerechnet die wichtigsten Routen für blinde Menschen – jene, die im Alltag regelmäßig genutzt werden – bei Schnee nicht mehr zu erfühlen seien. Vom TBZ wünscht er sich deshalb, dass nicht allein auf die Satzung verwiesen werde, sondern taktile Leitlinien, etwa in der Innenstadt, „einfach mit geräumt“ würden. Auch wenn blinde Menschen nur einen kleinen Anteil der Bevölkerung ausmachten, seien diese Wege für sie entscheidend, um selbstständig mobil zu bleiben.

Taktile Elemente: Verbaut nach Leitfaden – Verzeichnis fehlt


"Die taktilen Linien sind bei Schnee nicht mehr ertastbar für Blinde," erklärt Klaus Heide
Aus Sicht des Technischen Betriebszentrums (TBZ) Flensburg sind taktile Elemente vor allem an Bushaltestellen sowie im Zuge von Neubau- oder größeren Sanierungsmaßnahmen seit vielen Jahren verbaut worden. Pressesprecherin Johanna Konnegen erklärt, aktuell würden in der Regel Noppenplatten eingesetzt. Grundlage seien der Leitfaden zur Haltestellengestaltung in Flensburg (2018) sowie „zahlreiche einschlägige Regelwerke“ zum barrierefreien Bauen. In früheren Jahren seien teilweise andere Materialien, etwa Granitpflastersteine, genutzt worden. Seit wann genau die Umstellung auf Noppenplatten erfolgte, könne das TBZ jedoch nicht mehr nachvollziehen – ein entsprechendes Verzeichnis liege nicht vor.

Räumung nach Satzung – Leitlinien nicht gesondert erfasst

Beim Thema Schneeräumung verweist das TBZ auf die geltende Straßenreinigungssatzung. Demnach reinigt das TBZ die öffentlichen Verkehrsflächen nach den dort festgelegten Vorgaben. Taktile Leitlinien und Aufmerksamkeitsfelder sind in der Satzung nicht gesondert ausgewiesen, teilt Konnegen mit. Eine Berechnung zusätzlicher Zeit- und Kostenaufwände, die für eine systematische Freiräumung dieser Elemente nötig wäre, sei „aus Kapazitätsgründen“ derzeit nicht möglich.

Auch die Fußgängerzonen würden entsprechend den Vorgaben der Satzung „im Rahmen der personellen und maschinellen Kapazitäten“ geräumt.

Beratung und Meldesysteme

Nach Angaben des TBZ werden Beratungen des Behindertenbeauftragten in Anspruch genommen. In der Vergangenheit hätten sich zudem Verantwortliche des TBZ an einer Veranstaltung der Gruppe Fuß e.V. beteiligt – dort ging es um Erfahrungen von Menschen mit Sehbehinderungen im Straßenverkehr.

Bürgerinnen und Bürger können konkrete Problemstellen laut TBZ über die Hotline des Kundenzentrums oder über den Mängelmelder melden. Die Webseiten des Mängelmelders seien standardmäßig „barrierearm“ gestaltet, unter anderem mit ausreichend großen Schriften und Bedienelementen sowie angemessenem Farbkontrast. Zusätzlich zur Kartenansicht, die nicht barrierefrei sei, gebe es eine Listenansicht der Meldungen.

Stimmen aus dem Land: gleiche Hürde, unterschiedliche Folgen

Dass es sich nicht um ein Flensburger Einzelproblem handelt, zeigen Berichte weiterer Betroffener aus Schleswig-Holstein. Anneke aus Lübeck betont, Schnee sei für sie „zwar zweitrangig“ – entscheidend sei, dass die Umgebung als Orientierung erkennbar bleibe: klare Kanten, Strukturen und feste Bezugspunkte.

Ganz anders schildert es Tobias aus Husum. Bei Schnee habe er „null Orientierung“. Einmal habe er nur ein Brummen wahrgenommen – kurz darauf sprach ihn ein Autofahrer an: Er laufe mitten auf der Straße. Ursache sei die Räumung gewesen: Zwar sei die Fahrbahn frei, der Schnee aber seitlich so aufgetürmt worden, dass Bordsteinkante und Schneewall ineinander übergingen.

Auch Petra aus Kiel kritisiert die Art der Räumung. Zwar werde Schnee beseitigt, doch an Ampeln entstünden teils regelrechte Schneebarrieren: Der Ampelmast sei rundum von Schneebergen umgeben, sodass sie den Mast und den Taster nicht finden könne. Selbst ihr Hund habe sie zuletzt nicht zuverlässig zur Ampel führen können, weil der Bereich zugeschoben worden sei.

Manja aus Damp beschreibt die Lage differenziert: Schnee sei für sie oft weniger problematisch, da sie sehbehindert sei, aber ohne Langstock gehe und Schneereste teilweise mit dem Fuß wegschieben könne. Kritisch werde es jedoch, wenn sich Eis unter dem Schnee bilde.

Räumen allein reicht nicht

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die sich durch viele Schilderungen zieht: Räumen allein reicht nicht. Entscheidend ist, wie geräumt wird – und ob ausgerechnet jene Strukturen frei bleiben, die blinden und sehbehinderten Menschen überhaupt erst Orientierung geben. In Flensburg prallen dabei Alltagserfahrungen und Verwaltungslogik aufeinander: Während Betroffene mehr Verlässlichkeit auf den wichtigsten Wegen fordern, verweist das TBZ auf Satzung, Kapazitäten und Meldewege.