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Wenn Lesen und Schreiben zur Hürde werden: Neues Grundbildungszentrum in Flensburg
| von Thomsen / Foerde.news
Flensburg – Rund 8000 Menschen in Flensburg können nach Schätzungen nicht ausreichend lesen und schreiben. Ein neues Grundbildungszentrum der Volkshochschule soll Betroffenen den Zugang zu Unterstützung erleichtern. Das Angebot reicht dabei weit über klassische Lese- und Schreibkurse hinaus. Bildungsministerin Dr. Dorit Stenke sieht Grundbildung auch als Voraussetzung für gesellschaftliche und demokratische Teilhabe.
Einen Behördenbrief verstehen, eine Nachricht schreiben, Preise vergleichen oder Informationen im Internet einordnen: Was für viele selbstverständlich zum Alltag gehört, kann für Menschen mit geringen Lese-, Schreib- oder Rechenkenntnissen eine erhebliche Hürde darstellen. In Flensburg gibt es für sie jetzt eine neue Anlaufstelle. In der Neustadt hat das Grundbildungszentrum der Volkshochschule seinen Betrieb aufgenommen.
Wie groß der Bedarf in der Stadt ist, machte Bildungsministerin Dr. Dorit Stenke bei der Eröffnung deutlich. In der Bewerbung für das Zentrum habe die Volkshochschule auf Grundlage der internationalen LEO-Studie errechnet, dass schätzungsweise rund 8000 Flensburger nicht ausreichend lesen und schreiben können. Nur ein kleiner Teil von ihnen nutze bislang bestehende Hilfsangebote.
Stenke: Grundbildung ist kein Randthema
Dabei geht es nach Auffassung der Ministerin um wesentlich mehr als Lesen und Schreiben. „Grundbildung ist kein Randthema, sondern es muss ein Schwerpunkt unserer Arbeit sein“, sagte Stenke. Wer Schwierigkeiten mit grundlegenden Fähigkeiten habe, stoße sowohl im Berufsleben als auch im täglichen Miteinander immer wieder auf Hindernisse.
Viele Betroffene entwickelten Strategien, um ihre Schwierigkeiten vor anderen zu verbergen. Gerade deshalb seien die Probleme im Alltag häufig kaum sichtbar. Nach Angaben Stenkes haben bundesweit rund 6,2 Millionen Erwachsene Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Auf Schleswig-Holstein heruntergerechnet seien etwa 210.000 Menschen betroffen.
Das neue Zentrum soll deshalb möglichst leicht erreichbar sein und Hemmschwellen abbauen. Stenke sprach davon, Räume zu schaffen, in denen Menschen den Mut finden können, sich erneut mit dem Lernen auseinanderzusetzen.
Lesen, Rechnen, Smartphone und digitale Grundbildung
Das Angebot der Flensburger Volkshochschule setzt genau dort an. Nach den Informationen des Grundbildungszentrums richtet es sich an Menschen ab 16 Jahren. Unterstützt werden unter anderem Menschen, die besser lesen und schreiben lernen möchten, Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben oder Hilfe beim Umgang mit Smartphone und Computer benötigen.
Neben klassischen Grundbildungskursen gehören deshalb beispielsweise Smartphone- und Computerkurse sowie Angebote zum „Alltagsrechnen“ zum Programm. Hinzu kommen Beratung und Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Kursen. Auch Angehörige und Institutionen können sich an das Zentrum wenden. Die Angebote sind kostenfrei, individuell und vertraulich.
Stenke begrüßte besonders, dass in Flensburg nicht ausschließlich auf traditionelle Kursformen gesetzt werden soll. Geplant seien „flexible und alltagsnahe Formate“ wie Lerncafés, mobile Angebote, digitale Lernmöglichkeiten und Grundbildungsangebote in Zusammenarbeit mit Betrieben. Auch die Vernetzung mit allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen spiele eine wichtige Rolle.
Angebote sollen in die Stadtteile kommen

Die Flensburger Landtagsabgeordnete Catharina Nies (Grüne) (2.v.r.) verwies bei der Eröffnung auf die politische Grundlage für den Ausbau.
Ein entscheidender Punkt ist für die Ministerin, die Unterstützung näher an die Menschen zu bringen. Das Grundbildungszentrum will deshalb nicht nur an einem einzigen Ort präsent sein. Angebote in verschiedenen Quartieren könnten Zugangsbarrieren senken und die Erreichbarkeit erhöhen, sagte Stenke.
Ein neu gegründeter Arbeitskreis soll weitere Partner gewinnen und dazu beitragen, zusätzliche Stadtteile zu erreichen. Das Zentrum soll sich damit langfristig als vertrauensvolle erste Adresse für Menschen mit Grundbildungsbedarf etablieren.
Auch der Vorsitzende des Landesverbandes der Volkshochschulen, Dr. Ernst Dieter Rossmann, sieht weiteren Handlungsbedarf. Ziel sei es, künftig in jedem Kreis beziehungsweise jeder kreisfreien Stadt in Schleswig-Holstein mindestens ein erreichbares Grundbildungszentrum anzubieten.
Nies: Finanzierung im Landtag ermöglicht
Die Flensburger Landtagsabgeordnete Catharina Nies (Grüne) verwies bei der Eröffnung auf die politische Grundlage für den Ausbau. Die Landtagsfraktionen von Grünen und CDU hätten im Herbst 2025 einen entsprechenden Haushaltsantrag gestellt und damit die Einrichtung von zwei zusätzlichen Grundbildungszentren im Land ermöglicht.
„Ich freue mich sehr über die Neueröffnung des Grundbildungszentrums in Flensburg und bin froh, dass es uns als Landtag gelungen ist, das Geld hierfür ab diesem Jahr zur Verfügung zu stellen“, erklärte Nies.
Das Land Schleswig-Holstein unterstützt den Flensburger Standort in den kommenden drei Jahren mit jeweils 68.000 Euro. Neben Flensburg gibt es Grundbildungszentren in Kiel, Lübeck, Neumünster, Itzehoe und Geesthacht.
Grundbildung als Voraussetzung für Teilhabe

Neue Schule in der Schulgasse
Für Stenke besitzt das Thema auch eine gesellschaftspolitische Dimension. Menschen müssten Informationen verstehen und kritisch einordnen können, um sich eine eigene Meinung zu bilden und an gesellschaftlichen Debatten teilzunehmen. Bildung und Demokratie seien deshalb eng miteinander verbunden.
„Die Grundlage unserer Gesellschaft ist unser demokratisches Miteinander“, sagte die Ministerin. Demokratie lebe davon, „dass alle Menschen teilhaben können und dass die Stimmen aller Menschen gehört werden“.
Das Grundbildungszentrum soll deshalb nicht nur versäumten Lernstoff nachholen helfen. Es soll Menschen neue Möglichkeiten eröffnen, ihren Alltag selbstständiger zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Stenke brachte diese Botschaft bei der Eröffnung auf einen einfachen Nenner: „Es ist nie zu spät.“
