Semikron Danfoss trennt sich von Automotive-Sparte – Arbeitsplätze sollen bleiben

 |  von Thomas Hansen

Kein Stellenabau bei Semikron Danfoss geplant - Fotos: Thomsen

Flensburg – Nachdem am Mittwoch Berichte über einen möglichen Verkauf von Semikron Danfoss die Runde machten, war die Verunsicherung in Flensburg groß. In den Meldungen war teils von einem Abbau von Arbeitsplätzen die Rede – ohne dass zu diesem Zeitpunkt belastbare Details vorlagen. SPD und SSW reagierten umgehend mit Pressemitteilungen und positionierten sich demonstrativ an der Seite der Belegschaft.

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Standortleiter von Semikron Danfoss Flensburg Willibald Gabler und IG-Metall Vorsitzender Michael Schmidft mit Teilen die in Flensburg und Nürnberg gebaut werden

Parallel dazu bemühte sich das Unternehmen selbst, die Lage zu beruhigen – und lud kurzfristig gemeinsam mit der IG Metall zu einem Pressetermin ein. Standortleiter Willibald Gabler sprach von einer „unglücklichen“ Berichterstattung, die „teilweise nicht der Wahrheit“ entspreche. Man habe die Presse eingeladen, um Fragen zu beantworten und Aussagen „ins rechte Licht zu rücken“. Es gehe ausdrücklich nicht um einen „Ausverkauf“, betonte Gabler. Vielmehr wolle Semikron Danfoss Missverständnisse korrigieren, die nach der Veröffentlichung entstanden seien.

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Nach Darstellung der Unternehmensleitung planen die Eigentümer, sich vom Automotive-Geschäft zu trennen und dafür einen externen Partner zu suchen. Diese Entscheidung sei bereits im Herbst des Vorjahres angestoßen worden. Betroffen seien vor allem die Standorte Flensburg und Nürnberg. Der Prozess sehe vor, eine neue Gesellschaft zu gründen, in die Maschinen, Verträge, Patente und Beschäftigte des Automotive-Bereichs überführt würden. Diese Gesellschaft solle anschließend verkauft werden; die Gespräche mit potenziellen Käufern liefen, seien aber „bei weitem nicht abgeschlossen“.

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Im Zentrum der Debatte steht damit weniger ein „Verkauf des Standorts“ als die Frage, was der Schritt für die Beschäftigten konkret bedeutet.
Nach Angaben der Unternehmensleitung arbeiten in Flensburg derzeit rund 650 Menschen. Etwa zwei Drittel von ihnen seien dem Automotive-Geschäft zuzuordnen – also jenem Bereich, der in die neue Gesellschaft überführt werden soll. Diese Beschäftigten würden mit ihren bisherigen Aufgaben in die neue Einheit wechseln, sofern sie dem Übergang nach den Regelungen des Betriebsverfassungsgesetzes zustimmen. „Der, der heute an dieser Anlage arbeitet, soll auch morgen an dieser Anlage arbeiten“, umriss Gabler die Zielrichtung.

Der übrige Teil der Belegschaft – rund ein Drittel – arbeitet nach Unternehmensdarstellung in den Sparten „Industry“ und „Solutions“. Diese Bereiche verbleiben vollständig bei Semikron Danfoss und sollen am Standort weitergeführt werden. Für diese Mitarbeitenden ändere sich durch die Ausgliederung zunächst nichts: Arbeitsverträge und Einsatzort blieben unverändert beim bisherigen Unternehmen.

Zugleich versuchte Gabler, Spekulationen über einen kurzfristigen Stellenabbau zu entkräften. „Es wird keiner seinen Arbeitsplatz verlieren“, sagte der Standortleiter. Gemeint ist damit nach Darstellung von Unternehmen und IG Metall vor allem: Im Zuge der Ausgliederung seien keine betriebsbedingten Kündigungen vorgesehen. Gleichzeitig wurde eingeräumt, dass sich über die Entscheidungen eines neuen Eigentümers in mehreren Jahren keine verbindlichen Garantien geben lassen. Für eine Übergangszeit greife jedoch der gesetzliche Rahmen – zudem werde aktuell verhandelt, wie Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen und Mitbestimmungsrechte in der neuen Struktur gesichert werden können.

Diese Einschätzung stützte auch die Arbeitnehmerseite. Michael Schmidt, erster Bevollmächtigter der IG Metall, erklärte, die Belegschaft sei bereits im September über die Pläne informiert worden. Auch Betriebsrat und Gewerkschaft seien seitdem eingebunden. Bei einer Betriebsversammlung vor rund zwei Wochen sei die entscheidende Frage ausdrücklich gestellt worden – und die Antwort sei eindeutig gewesen: keine betriebsbedingten Kündigungen. Schmidt zeigte sich irritiert darüber, dass der geplante Verkauf in der öffentlichen Debatte plötzlich mit wackelnden Arbeitsplätzen gleichgesetzt worden sei. „Genau das passiert nicht“, sagte er. Ziel der Maßnahme sei vielmehr, den Geschäftsbereich so aufzustellen, dass er eine Zukunft habe – auch für den Standort und die Beschäftigten.

Semikron Danfoss fertigt in Flensburg sogenannte Leistungsmodule – hochspezialisierte Komponenten der Leistungselektronik, die elektrische Energie steuern und umwandeln. Vereinfacht gesagt funktionieren sie wie extrem leistungsfähige elektronische Schalter: Sie sorgen dafür, dass Strom je nach Bedarf in die richtige Form gebracht wird, etwa um Motoren zu regeln oder Spannungen zu wandeln. Solche Module werden unter anderem in Industrieanlagen, bei Anwendungen für erneuerbare Energien und im Automotive-Bereich eingesetzt – also beispielsweise in der Elektromobilität, wo sie in Antriebssträngen und weiteren Systemen eine zentrale Rolle spielen. Dabei handelt es sich nicht um Massenware, sondern um kundenspezifische Lösungen, die gemeinsam mit Fahrzeugherstellern und Zulieferern entwickelt werden.

Um die Funktion dieser Technik greifbar zu machen, wählte Gabler einen Vergleich aus dem Alltag: Wie bei einer elektrischen Bohrmaschine, die langsamer läuft, wenn man den Schalter nur leicht drückt, und schneller, wenn man ihn voll durchzieht, werde auch in industriellen Anwendungen und in Elektrofahrzeugen die Leistung elektronisch geregelt. Dafür brauche es sogenannte Frequenzumrichter und Leistungsmodule, die Strom so „formen“, dass Motoren nicht ruckartig anlaufen, sondern kontrolliert beschleunigen. Leistungs­elektronik sei deshalb überall dort gefragt, wo elektrische Energie in Bewegung oder nutzbare Antriebsleistung übersetzt werde – vom Aufzugmotor über Förderbänder bis hin zum E-Auto.

Vor diesem Hintergrund hatten bereits am Mittwoch politische Reaktionen für zusätzliche Dynamik gesorgt. Die SPD Flensburg betonte in einer Mitteilung, der Standort sei ein „wichtiger industrieller Anker“ für Stadt und Region. Mit der öffentlich gewordenen Verkaufsabsicht seien zwar Sorgen um Arbeitsplätze entstanden, erste Rückmeldungen aus der Belegschaft und von der IG Metall seien jedoch positiv: Derzeit gebe es „keine Anzeichen dafür, dass Arbeitsplätze verloren gehen“. Wichtig sei nun schnelle Klarheit für Beschäftigte und Familien.

Deutlich alarmierter fiel die erste Reaktion des SSW aus. Fraktionschef Christian Dirschauer sprach von einer „Schreckensmeldung“ und warnte davor, dass „Hunderte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ vor einer ungewissen Zukunft stehen könnten. Er verwies zugleich auf die bewegte Personalentwicklung der vergangenen Jahre am Standort: Phasen schnellen Wachstums hätten sich mit Einschnitten abgewechselt – zuletzt seien 2024 rund ein Fünftel der Belegschaft entlassen worden. Das dürfe sich nicht wiederholen, so Dirschauer. Als SSW stehe man „fest an der Seite der rund 650 Angestellten“, deren Arbeitsplätze erhalten bleiben müssten.

Tatsächlich verwies Gabler beim Pressetermin auf die aktuelle Beschäftigtenzahl von rund 650. Vor etwa eineinhalb Jahren habe der Standort noch bei 850 bis 870 Mitarbeitenden gelegen. Der Abbau sei nach Unternehmensangaben ohne betriebsbedingte Kündigungen erfolgt – unter anderem über Einzelmaßnahmen im Rahmen von Sozialplan und Interessenausgleich.

Wie es konkret weitergeht, hängt nun von den laufenden Verhandlungen ab. Als grober Zeitplan wurde genannt, dass die neue Automotive-Gesellschaft zum Sommer 2026 an den Start gehen solle. Wer als Investor einsteigt, bleibt offen. Klar ist bislang vor allem eines: Nach der ersten Welle an Spekulationen bemühen sich Unternehmensleitung und Gewerkschaft, die Diskussion zu versachlichen – und den Beschäftigten vor allem eines zu vermitteln: dass der Verkauf nicht automatisch Arbeitsplatzabbau bedeutet.