Orange Bänke als sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Frauen
| von Thomsen / Foerde.news
Flensburg – Flensburg hat zwei auffällig orange gestrichene Sitzbänke erhalten. Eine steht im Foyer des Rathauses, die zweite an der Hafen-Ost-Seite hinter dem Kanalschuppen mit Blick auf die Förde. Mit ihnen will die Stadt auf die vielfältigen Formen geschlechtsspezifischer, psychischer und physischer Gewalt aufmerksam machen, von denen Frauen und Mädchen weltweit betroffen sind.
Die Idee der „Orange Bänke“ geht auf eine kreisweite Aktion der Gleichstellungsstelle des Rhein-Sieg-Kreises zurück, die 2021 anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen am 25. November gestartet wurde. Seitdem tauchen bundesweit immer mehr solcher Bänke im Stadtbild auf – nun auch in Flensburg.
Eine der Bänke wurde im Sinne der Nachhaltigkeit „upgecycelt“: Die Mürwiker Werkstätten bereiteten eine bestehende Holzbank neu auf und führten sie so einer neuen Nutzung zu. Die stabile Bank soll nicht nur zum Sitzen einladen: Auf einer Plakette, die zeitnah angebracht wird, werden Kontaktdaten regionaler Fachberatungsstellen bei häuslicher Gewalt zu finden sein.
Orange als internationale Signalfarbe
Die Farbe Orange steht international für den Einsatz gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. „Orange ist nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern bundes- und weltweit die Farbe, mit der auf das Thema Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht wird“, erläutert Flensburgs Gleichstellungsbeauftragte Marie Sprute. Teilweise werde der 25. November daher auch als „Orange Day“ bezeichnet.
Anlässlich des internationalen Aktionstages hat die Stadt weitere sichtbare Zeichen geplant: Ab dem frühen Nachmittag werden das gläserne Treppenhaus des Rathauses und der Schornstein der Stadtwerke Flensburg in Orange beleuchtet.
Zahlen zur häuslichen Gewalt: Hohe Belastung, steigende Fallzahlen
Sprute verweist auf aktuelle bundesweite Zahlen zur häuslichen Gewalt. Laut Bundeslagebild für das Jahr 2024 wurden 265.942 Opfer häuslicher Gewalt registriert. Rund 70,4 Prozent der Betroffenen sind demnach weiblich, 75,6 Prozent der Tatverdächtigen männlich. 286 Menschen wurden 2024 bundesweit durch häusliche Gewalt getötet oder starben an deren Folgen.
„Es gibt keinen Abwärtstrend“, so Sprute. Im Gegenteil nähmen sowohl geschlechtsspezifische Gewalt – also Gewalt gegen Frauen und auch queere Personen – als auch die Zahl der Todesfälle weiter zu.
Ihre Kollegin Friederike Rosenbaum, seit dem 1. September Koordinatorin für die kommunale Umsetzung der Istanbul-Konvention in Flensburg, verweist auf strukturelle Ursachen: Gewalt an Mädchen und Frauen wurzle in ungleichen Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen und in traditionellen Rollenbildern. Die Istanbul-Konvention verpflichte Deutschland seit 2018 dazu, Frauen und Mädchen umfassend zu schützen und Gewalt vorzubeugen.
Die Folgen seien gravierend – auch finanziell. Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt verursachten bundesweit Kosten von rund 54 Milliarden Euro an Steuergeldern pro Jahr, so Rosenbaum. Gleichzeitig seien Hilfesysteme vielerorts unterfinanziert. In Flensburg könne die Frauenberatungsstelle nicht alle Anfragen zeitnah bedienen, das Frauenhaus sei regelmäßig ausgelastet, über 200 Wegweisungen habe es im vergangenen Jahr gegeben. Hinzu komme der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, der Frauen im Frauenhaus den Auszug erschwere und Plätze blockiere.
Infrastruktur und Prävention in Flensburg
Trotz aller Herausforderungen verweisen Sprute und Rosenbaum auf eine vergleichsweise gut vernetzte Unterstützungslandschaft in der Stadt. Neben Frauenhaus und Frauenberatungsstelle gibt es spezialisierte Angebote für Kinder, eine Männerberatungsstelle bei Pro Familia sowie das 2024 gestartete Angebot „proud queer“ für queere Menschen, die von Gewalt oder Diskriminierung betroffen sind.
Ein zentrales Instrument ist das in Flensburg erprobte und inzwischen landesweit eingeführte Hochrisikomanagement. Mit Hilfe standardisierter Einschätzungsbögen wird ermittelt, in welchen Fällen von häuslicher Gewalt ein besonders hohes Risiko, etwa bis hin zur Tötungsgefahr, besteht. In solchen Fällen kommen Polizei, Beratungsstellen und weitere Institutionen in Fallkonferenzen zusammen, um Schutzmaßnahmen zu planen.
Rosenbaums neue Koordinierungsstelle ist zunächst auf drei Jahre befristet. Sie soll vorhandene Maßnahmen bilanzieren, Schutzlücken identifizieren und weitere Strategien entwickeln – vor allem im Bereich Prävention. „Wir haben ein Hilfesystem, das viele Zielgruppen erreicht, aber im präventiven Bereich gibt es noch viel zu wenig“, sagt Sprute.
Symbolik statt Allheilmittel
Kritische Nachfragen richten sich auf den konkreten Nutzen der Bänke. Können sie Vergewaltigungen oder sexuelle Übergriffe verhindern?
„Nein“, sagt Rosenbaum deutlich. Die Bänke seien „eine sehr symbolische Präventionsmaßnahme“ und könnten professionelle Täterarbeit oder Beratungsangebote nicht ersetzen. Sie seien vielmehr ein sichtbares Zeichen, dass die Stadt Flensburg Gewalt gegen Frauen nicht toleriert und das Thema nicht unsichtbar bleiben soll.
Sprute ergänzt, Vergewaltigungen würden nach wie vor häufig nicht zur Anzeige gebracht. Gewalt sei „wahnsinnig präsent“ und werde in Teilen der Gesellschaft normalisiert. Die Bänke sollten dazu beitragen, Gewalt als Unrecht zu markieren und Gespräche anzustoßen – auf Plaketten verweisen sie gleichzeitig auf konkrete Hilfsangebote wie das Hilfetelefon oder lokale Beratungsstellen.
Sexualstraftaten: Deutlicher Anstieg seit 2015
Laut polizeilicher Kriminalstatistik sind Vergewaltigungen und Sexualstraftaten seit 2015 stark gestiegen. In Flensburg wurden 2015 insgesamt 81 Sexualstraftaten registriert, 2024 waren es 171.
Oberbürgermeister Fabian Geyer warnt jedoch vor vorschnellen Schlüssen. Zunächst müsse man unterscheiden zwischen tatsächlich begangenen und angezeigten Taten. Ein Teil des Anstiegs sei vermutlich auf ein verändertes Anzeigeverhalten zurückzuführen – es werde „mehr hingeguckt“ und mehr zur Anzeige gebracht. Zugleich gebe es keine Hinweise darauf, dass häusliche Gewalt in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich zurückgegangen sei.
Geyer und Sprute wenden sich gegen eine einfache Erklärung, wonach der Anstieg seit 2015 vor allem mit der sogenannten Flüchtlingskrise zusammenhänge. Gewalt gegen Frauen gebe es in allen sozialen Milieus, Berufsgruppen und Nationalitäten, betont Sprute. Als Beispiel verweist sie auf die regelmäßig stark steigenden Zahlen häuslicher Gewalt zu Weihnachten – einem christlichen Familienfest.
Geyer räumt ein, dass unterschiedliche kulturelle Prägungen im Umgang mit Frauenrechten eine Rolle spielen können, warnt jedoch vor pauschalen Schuldzuweisungen. Die Formel „weniger Flüchtlinge, weniger Gewalt“ sei „zu platt und falsch“ und diene lediglich bestimmten politischen Erzählungen. „Jede Gewalt gegen eine Frau ist eine zu viel – unabhängig von Herkunft und Kulturkreis“, so der Oberbürgermeister.
Öffentlicher Raum und häusliche Gewalt
In der Diskussion um Sicherheit für Frauen in Flensburg spielt auch der öffentliche Raum eine Rolle – etwa der CarlleiPark oder das sogenannte „Mauseloch“, die von vielen Menschen als unsichere Orte wahrgenommen werden. Geyer verweist auf bereits umgesetzte Maßnahmen wie bessere Beleuchtung, das Zurückschneiden von Hecken oder gestalterische Aufwertungen, etwa an der Sankt-Jürgen-Treppe.
Zugleich mahnt Sprute, den Fokus nicht zu stark auf Straßen und Parks zu verengen. Die allermeiste geschlechtsspezifische Gewalt finde nicht im öffentlichen Raum statt, sondern im sozialen Nahraum – in den eigenen vier Wänden, in Partnerschaften und Familien. Wer allein auf „Angsträume“ draußen schaue, verliere diese Realität aus dem Blick.
Mit den beiden orangen Bänken, der Beleuchtung öffentlicher Gebäude und den bestehenden Angeboten will die Stadt Flensburg deutlich machen: Gewalt gegen Frauen soll weder tabuisiert noch hingenommen werden – weder zu Hause noch im öffentlichen Raum.
