Neue Messdaten zeigen: In vielen Wohnstraßen wird deutlich zu schnell gefahren
| von Thomsen / Foerde.news
Flensburg – Warum fühlen sich so viele Anwohner in ihren eigenen Straßen unsicher, obwohl dort eigentlich Schrittgeschwindigkeit oder Tempo 30 gilt? In Flensburg häufen sich seit Jahren die Beschwerden: Autos fahren dicht an spielenden Kindern vorbei, Gespräche vor der Haustür werden vom Motorenlärm übertönt, der Weg zur Schule oder Kita wird zur Nervenprobe.
Jetzt liegt erstmals eine umfassende Datenauswertung vor – und sie bestätigt den Eindruck vieler Menschen vor Ort auf bedrückende Weise: Gerade dort, wo besonders langsam gefahren werden müsste, wird am häufigsten und am deutlichsten gerast. Die Messungen zeigen: Das Problem beginnt nicht auf den großen Ausfallstraßen, sondern in den Tempo-30-Zonen und verkehrsberuhigten Bereichen direkt vor den Haustüren.
Ein Beispiel ist die Sankt-Jürgen-Straße. Hier gilt offiziell „Schrittgeschwindigkeit“, also etwa 7 km/h. Doch die Auswertung der Messgeräte ergibt einen sogenannten v85-Wert von 23 km/h – 85 Prozent aller Fahrzeuge fahren dort also bis zu mehr als dreimal so schnell wie erlaubt. Ähnlich sieht es in anderen verkehrsberuhigten Bereichen wie dem Adelbykamp aus. Die zentrale Frage lautet nun: Wie lässt sich die Sicherheit in den Wohnquartieren spürbar erhöhen, wenn Tempolimits allein offenbar nicht ausreichen?
So wurde gemessen
Zwischen März und Oktober ließ der Fachbereich Stadtentwicklung und Klimaschutz an ausgewählten Stellen im Stadtgebiet messen – jeweils eine Woche lang, rund um die Uhr. Ferienzeiten und Feiertage wurden bewusst ausgeklammert, um typische Alltagsverkehre zu erfassen.
Die Standorte wurden nach Bürgerhinweisen, konkreten Projekten und bekannten Problempunkten ausgewählt. Im Mittelpunkt der Auswertung steht der v85-Wert: Er gibt die Geschwindigkeit an, die 85 Prozent der Fahrzeuge höchstens fahren. Liegt dieser Wert mindestens fünf Stundenkilometer über der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, sehen die Fachleute „Handlungsbedarf“.
Insgesamt flossen 36 Messstellen mit Tempo 50 oder mehr sowie 91 Standorte mit Tempo 30 und darunter – einschließlich 20- und 10-Zonen sowie verkehrsberuhigter Bereiche – in die Auswertung ein.
Große Straßen: viele Verstöße, aber meist knapp
Auf den Hauptstraßen mit Tempo 50 oder 60 zeichnet sich zunächst ein scheinbar beruhigendes Bild: 47 Prozent der Fahrten bleiben exakt im Limit, weitere 33 Prozent liegen höchstens fünf Stundenkilometer darüber. Doch jede fünfte Fahrt überschreitet die Höchstgeschwindigkeit deutlicher – also um mehr als fünf km/h.
Die detaillierte Liste zeigt, wie unterschiedlich das Problem verteilt ist. In Straßen wie der Duburger Straße liegt der v85-Wert sogar unter der erlaubten Geschwindigkeit, dort halten sich die allermeisten an die Regeln. Am anderen Ende der Skala steht die Straße Munketoft: Erlaubt sind hier 50 km/h, gemessen wurden 69 km/h als v85-Wert – 138 Prozent des zulässigen Tempos.
Solche Ausreißer sind zwar die Ausnahme, doch sie machen deutlich: Schon wenige besonders schnelle Standorte reichen, um Unfallrisiken und Lärmbelastung spürbar zu erhöhen.
Tempo-30-Zonen: Wo langsam gefahren werden müsste, wird am stärksten gerast
Weitaus dramatischer ist die Lage in Bereichen mit Tempo 30 und darunter. Nur rund elf Prozent der Fahrten bleiben dort im Limit. Ein Viertel der Autofahrenden liegt bis zu fünf km/h darüber – und etwa 64 Prozent sind mehr als fünf Stundenkilometer zu schnell unterwegs.
Blickt man auf die Extremwerte, wird klar, wie wenig ernst viele die niedrigeren Limits nehmen. In mehreren 10-km/h-Zonen liegen die gemessenen v85-Werte bei 24 oder 26 km/h – also mehr als das Doppelte des Erlaubten. In dem bereits erwähnten verkehrsberuhigten Bereich der Sankt-Jürgen-Straße wird Schrittgeschwindigkeit sogar fast auf das 3,3-Fache überschritten.
Gerade dort, wo Kinder spielen, Fußgänger queren und Radfahrende die Fahrbahn mitbenutzen, rauschen Autos also besonders schnell vorbei. Die Zahlen bestätigen damit viele Beschwerden aus der Nachbarschaft, die im Rathaus eingegangen sind.
Was folgt aus den Zahlen?
Die Präsentation der Messkampagne endet mit einer einfachen, aber drängenden Frage: „Und jetzt?“ Es sind Dialog-Displays („Sie fahren …“) über auffällige Banner mit dem Appell „Langsam fahren“ bis hin zu baulichen Maßnahmen wie Fahrbahneinengungen und Aufpflasterungen im Gespräch. Auch klassische Geschwindigkeitskontrollen mit Messgeräten spielen eine Rolle.
Klar ist: Überall dort, wo der v85-Wert fünf und mehr km/h über dem Limit liegt, will die Stadt genauer hinschauen. Mancherorts könnten zunächst temporäre Anzeigen und Aktionen eingesetzt werden, um das Problembewusstsein zu schärfen. An hartnäckigen Brennpunkten dürften auf Dauer aber nur bauliche Eingriffe oder regelmäßige Kontrollen helfen.
Balance zwischen Sicherheit und fließendem Verkehr
Für Politik und Verwaltung ist die Aufgabe heikel: Einerseits soll der Verkehr möglichst flüssig laufen, andererseits wünschen sich Anwohnende Ruhe, Sicherheit und mehr Lebensqualität vor der Haustür. Die jetzt vorliegenden Zahlen liefern dafür eine datenbasierte Grundlage – und nehmen sowohl die Stadt als auch alle, die am Steuer sitzen, in die Pflicht.
Denn einer der deutlichsten Befunde der Messung lautet: Je niedriger das Limit, desto weniger ernst wird es offenbar genommen. Genau dort, wo langsames Fahren besonders wichtig wäre, sind die Verstöße am größten.
Über die konkreten Schritte, mit denen gegengesteuert werden soll, wird der Arbeitskreis Masterplan Mobilität in den kommenden Monaten weiter beraten. Klar ist schon jetzt: Wer künftig durch Wohnstraßen fährt, wird sich auf deutlich mehr Hinweise, Kontrollen – und möglicherweise auch auf spürbare bauliche Veränderungen einstellen müssen.