Im Bunker von Eggebek: Cannabis-Club startet mit erster Ernte
| von Thomsen / Foerde.news
Eggebek – In einem ehemaligen Militärbunker bei Eggebek in Schleswig-Holstein wächst seit einigen Monaten eine Kultur, die bis vor Kurzem noch klar illegal war: Cannabis. Hinter dicken Stahlbetonwänden hat der Anbauverein „HighNordClub“ seine erste Ernte eingefahren – und steht damit exemplarisch für die junge deutsche Cannabis-Club-Szene, die sich seit der Teil-Legalisierung mühsam ihren Weg durch Bürokratie und Auflagen bahnt.
Vorsitzender des Vereins ist Steffen Erkenberg, 47 Jahre alt, ehemaliger Lkw-Fahrer. Er kam nach eigenen Angaben aus gesundheitlichen Gründen zum Thema. „Ich habe Gicht und Herzprobleme und mich gefragt: Was kann man machen, um gegen diese Gicht vorzugehen?“, sagt er. Während seiner Zeit als Fahrer in Skandinavien sei der Konsum für ihn ausgeschlossen gewesen: „Man kann nicht Lkw fahren und gleichzeitig konsumieren.“
Mit der Gesetzesänderung suchte er einen Weg, Cannabis legal zu produzieren – sowohl, um seine eigenen gesundheitlichen Probleme zu lindern, als auch um eine rechtssichere Versorgungsstruktur für Konsumenten aufzubauen.
Vom Eigenanbau zum Club
Zum 1. April 2024 wurde in Deutschland der private Eigenanbau von Cannabis in begrenztem Umfang erlaubt. Die Anbauvereinigungen durften jedoch erst seit dem 1. Juli desselben Jahres starten. Erkenberg hält diese Reihenfolge für unglücklich:
„Es wäre vermutlich klüger gewesen, erst die Vereine zu erlauben und dann den privaten Anbau“, sagt er. Denn in der Übergangsphase hätten zwar viele Menschen legal konsumieren dürfen, legale Bezugsquellen habe es aber praktisch noch nicht gegeben. „Das hatte zur Folge, dass das Cannabis in den Taschen der Leute weiterhin aus nicht kontrollierten Quellen kam.“
Heute seien die Anbauvereine eine der wenigen legalen Bezugsquellen – neben Medizinalcannabis aus der Apotheke und dem Eigenanbau.
Strenge Kriterien für Mitglieder
Der Verein in Eggebek zählt nach Erkenbergs Angaben derzeit rund 120 Mitglieder. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind eng gesteckt: Wer Mitglied werden will, muss seit mindestens sechs Monaten in Deutschland gemeldet sein. Rechtlich ist der Bezug ab 18 Jahren erlaubt, der Verein selbst hat die Altersgrenze jedoch höher angesetzt.
„Wir haben uns intern darauf geeinigt, erst ab 21 aufzunehmen“, sagt Erkenberg. Die Leute sollten „schon ein bisschen mehr im Leben stehen“, bevor sie sich intensiver mit Cannabis auseinandersetzen. Zudem würden für 18- bis 21-Jährige gesonderte THC-Grenzen gelten, was den Anbau deutlich verkomplizieren würde.
Die Mitgliedschaft ist nicht nur eine Frage des Alters, sondern auch der Mitarbeit. Gesetzlich ist vorgeschrieben, dass die Mitglieder am Anbau beteiligt sind – wenn auch nicht zwingend direkt an der Pflanze. „Schnippeln hilft schon“, sagt Erkenberg. Auch Reinigungsarbeiten, das Säubern von Werkzeugen oder das Reinigen der Tanks zählten als aktive Beteiligung.
Finanziell ist das Modell klar strukturiert: 20 Euro Aufnahmegebühr, 10 Euro monatlicher Mitgliedsbeitrag. Das Gramm Cannabis kostet laut Erkenberg je nach Sorte zwischen 6 und 10 Euro. Ob das Straßenmarktpreisen entspricht, lässt er offen – entscheidend sei der Unterschied in der Qualität.
„Wir sind unter Beobachtung, wir müssen THC, CBD, Toxine und alles testen“, sagt er. Abgegeben werden dürfe nur, was kontrolliert sei. Die Grundinvestition müsse zudem wieder eingespielt werden.
300.000 Euro investiert – erste Abgabe steht bevor
Rund 300.000 Euro seien in den Aufbau der Anlage geflossen, schätzt Erkenberg. Noch ist der Verein weit von der Gewinnzone entfernt. „Wir haben gerade erst unsere erste Ernte durch“, sagt er. Die erste Abgabe an die Mitglieder soll voraussichtlich Ende November starten – entweder direkt im Bunker in Eggebek oder perspektivisch in einer Ausgabestelle in Rendsburg.
Der Standort Eggebek ist dabei das Ergebnis einer Zwischenstation. Ursprünglich war das Projekt in Kiel gestartet, scheiterte jedoch an Differenzen mit einem Investor. Danach suchte der Verein ein neues Objekt und wurde im ehemaligen Bunker fündig.
„Der Bunker hat viele Vorteile, was die Sicherheit angeht“, erklärt Erkenberg. Außerdem sei man dort weitgehend für sich: „Wir stören hier niemanden.“
Anbau unter Aufsicht – und im Stahlbeton
Der Bunker ist baulich ein robustes Relikt. „Man muss beim Bohren ein bisschen mehr drücken“, sagt Erkenberg trocken. An der Sicherheit dürfe es nicht fehlen: Der Verein hat verstärkte Sicherheitstüren einbauen lassen, dazu Kameras, Bewegungsmelder und eine Alarmanlage. Die Anforderungen seien auch von der Behörde so vorgegeben worden.
Hinzu kommt ein umfangreicher Papieraufwand. „Ich habe sehr viele Konzepte eingereicht“, berichtet Erkenberg – vom Transportkonzept über das Vernichtungskonzept bis hin zu Anbau- und Weitergabekonzepten. Ebenfalls geregelt werden müssen Jugendschutz, Zugangskontrolle und die Sicherstellung, dass kein Material an Unbefugte gelangt.
Schleswig-Holstein interpretiere das Cannabisgesetz im Vergleich zu anderen Bundesländern eher restriktiv, so Erkenberg. Die Behörden seien zwar nicht grundsätzlich gegen die Vereine – „sie wollen uns nicht verhindern“ –, machten es aber auch nicht leicht. „Man muss seine Zuverlässigkeit beweisen.“
460 Pflanzen und sieben Tonnen Nassgewicht
Aktuell wachsen beziehungsweise wuchsen im Bunker rund 460 Pflanzen. Die behördliche Erlaubnis umfasst eine jährliche Nassmenge von bis zu sieben Tonnen – ein Wert, der alle Pflanzenteile einschließt: Blüten, Stängel, Blätter und Wurzeln im frischen Zustand.
Die erlaubten Abgabemengen orientieren sich an den Mitgliedern: Maximal 50 Gramm pro Monat und Person sind vorgesehen. Bei der gesetzlich festgelegten Obergrenze von 500 Mitgliedern ergäbe das theoretisch 25 Kilogramm im Monat, also rund 300 Kilogramm im Jahr – ohne Weiterverarbeitung.
Denn der Verein darf das Cannabis nicht nur als Blüte abgeben, sondern auch weiterverarbeiten, etwa zu Haschisch oder Rosin, einem durch Pressen hergestellten Konzentrat. Dafür wird entsprechend mehr Pflanzenmaterial benötigt.
Alles muss dokumentiert werden – von der Ernte über das Gewicht bis zur Lagerung und Abgabe. „Das ist auch für die Behörden wichtig“, sagt Erkenberg.
Entsorgung als Herausforderung
Ein eigenes Kapitel ist die Vernichtung der nicht verwerteten Pflanzenteile. „Das ist Teil des Vernichtungskonzepts“, sagt Erkenberg. Der Verein setzt auf Kompostierung: Bokashi, eine Wurmfarm, und die Rückführung des organischen Materials in die Erde.
Ganz einfach sei das jedoch nicht. Die Behörde in Schleswig-Holstein definiere auch die Wurzeln als Cannabis – und damit als besonders zu überwachendes Material. In anderen Bundesländern kämen Entsorgungsbetriebe mit Zertifikat, bei denen das Material abgegeben werden könne. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir das fachgerecht entsorgen“, sagt Erkenberg. 460 Töpfe Erde müssten ausgeleert, Wurzeln separiert und kompostiert werden – ein erheblicher Aufwand.
Nachfrage ohne Werbung
Trotz Werbeverbots ist die Nachfrage offenbar hoch. Der Verein füllt seine Mitgliederlisten über eine einfache Google-Suche, Medienberichte und Mundpropaganda. „Das ist eigentlich das Beste, was man machen kann, dass die Leute untereinander reden“, sagt Erkenberg.
Verwaltet wird das Ganze über eine App: Dort können Mitglieder ihre Kontingente vorbuchen, Zeitfenster für Abholungen reservieren und ihre Beiträge abwickeln. Der Verein ist nach eigenen Angaben bereit, bis an die Obergrenze von 500 Mitgliedern zu wachsen.
Wer kommt in den Club?
Die Altersstruktur überrascht manche Beobachter. „Interessanterweise ist es sehr häufig so, dass wir sagen können: 40, 50 plus“, berichtet Erkenberg. Der älteste Mitglied sei Mitte 70. Viele hätten bereits Vereinserfahrung und wüssten, wie ehrenamtliche Strukturen funktionieren. Jüngere Mitglieder gebe es zwar auch, sie seien im Vereinsleben jedoch oft noch weniger verankert.
Die Motive reichen vom reinen Freizeitkonsum bis zur Linderung von Beschwerden. „Viele sagen, sie haben Schmerzen, möchten etwas zum Einschlafen haben“, so Erkenberg. Medizinische Beratung bietet der Verein jedoch ausdrücklich nicht an. „Das ist nicht erlaubt, wir sind keine Mediziner.“ Hier unterscheidet das Gesetz klar zwischen Cannabis-Konsumclubs und medizinischem Cannabis.
Blick nach vorn
Neben der Etablierung des Standorts Eggebek plant der Verein eine zweite Abgabestelle in Rendsburg, idealerweise noch im laufenden Jahr. Wie sich der Markt entwickelt, hängt aus Sicht Erkenbergs auch von der Genehmigung weiterer Vereine ab.
In Schleswig-Holstein seien nach seiner Einschätzung bislang 28 Lizenzanträge gestellt worden, etwa zehn seien bewilligt, fünf bis sechs Vereine bauten tatsächlich an. Angesichts der geschätzten Zahl von Konsumenten sei das zu wenig, um den illegalen Markt spürbar zu verdrängen, meint er.
Für ihn persönlich ist der Schritt in den Bunker von Eggebek längst mehr als ein Experiment. „Ich bin jetzt komplett in diesem Verein unterwegs“, sagt Steffen Erkenberg, abschließend.