Glosse: Flensburg schottet sich ab - Baustellen wohin das Auge reicht
| von Thomsen / Foerde.news
Flensburg – Die Osterferien sind vorbei, die letzten Touristen haben Flensburg offenbar noch rechtzeitig verlassen, ehe die Stadt endgültig den Schlagbaum senkt. Für die Einwohner beginnt jetzt wieder das, was man hier inzwischen wohl ohne Übertreibung als eigentliche Kernkompetenz bezeichnen muss: organisiertem Stillstand beim Zuschauen.
Ab Montag wird weiter gesperrt, abgesperrt, umgeleitet und abgewürgt. Flensburg arbeitet mit beeindruckender Verbissenheit daran, sich selbst vom Rest der Welt zu isolieren. Was früher nach Provinz, Randlage und strukturellem Pech aussah, wird heute mit ernster Miene als modernes Baustellen- und Mobilitätsmanagement verkauft. Man muss den Mut erst einmal haben, komplette Bewegungslosigkeit als Fortschritt auszugeben.
Zu den ohnehin schon zahllosen Problemzonen gesellen sich nun auch noch Eckernförder Landstraße, Kanzleistraße und Ochsenweg. Die Liste der gesperrten Straßen ist inzwischen so absurd lang, dass man sie bald nicht mehr im Rathaus, sondern in mehreren Bänden mit Register führen müsste. Andere Städte bauen Verkehrsnetze. Flensburg sammelt Straßensperrungen wie Trophäen.
Besonders die Eckernförder Landstraße hat längst jeden Rahmen des Normalen verlassen. Gesperrt bis Ende 2027 – das ist keine Baumaßnahme mehr, das ist eine Langzeitbeziehung mit offenem Ausgang. Kinder, die heute eingeschult werden, erleben mit Glück irgendwann als Erwachsene noch, wie dort wieder ein Auto geradeaus fahren darf. Vielleicht. Falls bis dahin nicht noch drei weitere Behörden, vier Versorgungsträger und irgendein neuer Masterplan beschließen, zur Sicherheit noch einmal alles aufzureißen.
Verantwortlich dafür sind natürlich nicht irgendwelche anonymen Naturgewalten, sondern ganz irdisch die üblichen Verdächtigen: Stadtwerke, TBZ und die Stadt Flensburg selbst. Gemeinsam liefern sie derzeit ein Lehrstück darin ab, wie man eine Stadt so effizient lähmt, dass am Ende niemand mehr hinein-, hinaus- oder sinnvoll irgendwohin kommt. Früher hätte man so etwas einfach Missmanagement genannt. Heute bekommt es offenbar Projektstruktur, Logos und einen Pressetext.
Und wer jetzt naiv hofft, der Busverkehr werde das schon irgendwie auffangen, hat den Witz an dieser Veranstaltung noch nicht verstanden. Die Busse fahren selbstverständlich weiter – jedenfalls in dem Sinne, dass sie sich noch bewegen. Ob sie dabei dort ankommen, wo Menschen tatsächlich hinmüssen, ist eher eine philosophische Frage. Die Linien 3 und 7 fahren seit Ende März am Hafen vorbei, nicht etwa aus touristischer Herzlichkeit, sondern weil auch die Mürwiker Straße gesperrt ist. Aktiv Bus hat dazu vorsorglich Haltestellen verlegt, versteckt oder ganz einkassiert. Wer also Bus fahren möchte, darf vorher erst einmal Detektiv spielen. Der öffentliche Nahverkehr als Escape Room – nur ohne Ausgang.
Die Linie 14 lässt Haltestellen inzwischen gleich ganz aus. Das spart Zeit, Nerven und vermutlich jede Form von Erwartungsmanagement. In Weiche darf man derweil lernen, dass „Ersatzhaltestelle hinter der Bahnunterführung“ nichts anderes ist als die verkehrspolitische Umschreibung für: Sieh zu, wie du klarkommst.
Überhaupt setzt Flensburg den Masterplan Mobilität 2030 mit fast beängstigender Konsequenz um. Fast alle Zufahrtsstraßen zur Entlastung der Innenstadt sind dicht. Das ist natürlich brillant. Wenn keiner mehr fährt, gibt es auch keinen Verkehr. Wenn keiner mehr durchkommt, ist die Innenstadt automatisch entlastet. Wenn alle nur noch feststecken, nennt man das vermutlich Verkehrsberuhigung mit maximaler Bürgerbeteiligung. Man muss zugeben: Die Logik ist brutal, aber in sich geschlossen.
Flensburg scheint damit als erste Stadt den politischen Traum von der autofreien Stadt nicht etwa über ÖPNV, Infrastruktur oder sinnvolle Planung lösen zu wollen, sondern über Zermürbung. Nicht überzeugen, nicht verbessern, nicht Alternativen schaffen – einfach alles so lange absperren, bis die Leute entnervt aufgeben. Wer sich nicht bewegt, kann schließlich auch keinen Stau verursachen. Das ist die Art von Verwaltungsradikalität, bei der man fast schon wieder anerkennend nicken möchte – kurz bevor man zum dritten Mal am selben Bauzaun scheitert.
So entsteht eine neue städtische Ordnung: Jeder bleibt gefälligst dort, wo er gerade gestrandet ist. Wer in Mürwik festsitzt, bleibt eben in Mürwik. Wer in Weiche hängen bleibt, kann sich dort gleich einrichten. Und wer es tatsächlich bis zum ZOB schafft, sollte sich feiern lassen wie einen Polarforscher, der unter Einsatz seines Lebens die Zivilisation erreicht hat.
Selbst Google Maps wirkt inzwischen bei der Betrachtung Flensburgs wie ein stiller Hilferuf. Überall Sperrungen, rote Markierungen, Umleitungen – es fehlt wirklich nur noch ein Burggraben und ein Schild mit der Aufschrift: „Betreten auf eigene Gefahr, Verlassen derzeit leider nicht möglich.“
Vielleicht ist das am Ende ja der eigentliche Plan: Flensburg wird nicht modernisiert, sondern sauber versiegelt. Keine offene Stadt mehr, sondern ein liebevoll abgeriegeltes Verwaltungsbiotop. Nicht mit Mauer, Wachturm und Stacheldraht wie in anderen dunklen Zeiten – das erledigt man heute eleganter, demokratischer und mit deutlich mehr Absperrbaken. Der Effekt bleibt derselbe: Wer sich innerhalb der Stadt bewegen will, macht keine Strecke mehr, sondern eine Erfahrung.
Willkommen in Flensburg. Der Rat der Redaktion: Schicken Sie Ihren Angehörigen vorsorglich Ihren Live-Standort. Nicht, damit man Sie findet – das wäre zu optimistisch. Sondern damit man Ihnen in zwei bis drei Tagen wenigstens Brot, Wasser und moralische Unterstützung vorbeibringen kann. Zu Fuß. Alles andere wäre unrealistisch.