Azubis am Steuer: Lidl lässt in Handewitt den Nachwuchs die Filiale führen
| von Thomsen / Foerde.news
Handewitt – Wer in diesen Tagen, 10. -15. November, den Lidl-Markt in Handewitt betritt, dürfte es auf den ersten Blick kaum bemerken: Hinter Kasse, Backstation und in den Gängen arbeiten ausschließlich Nachwuchskräfte. Sechs Tage lang führen Auszubildende und Teilnehmende des Abiturienten- und Handelsfachwirtprogramms die Filiale komplett in Eigenregie – von der Ladenöffnung am Morgen bis zum Abschließen am Abend.
„Hier sind wirklich nur Nachwuchskräfte vor Ort, die die gesamten Filialprozesse steuern und den Laden schmeißen“, sagt Malte Tuleweit, Aus- und Weiterbildungsleiter bei Lidl in der Regionalgesellschaft Wasbek. Die regulären Mitarbeiter dieser Filiale sind für die Projektwoche entweder im Urlaub oder in andere Standorte versetzt worden.
21 Nachwuchskräfte, 39 Filialen, 18 bis Anfang 30
Insgesamt 21 junge Menschen sind in Handewitt im Einsatz. Sie kommen aus dem Vertriebsgebiet West von Lidl in Schleswig-Holstein, das 39 Filialen umfasst – von Heide und Büsum an der Nordseeküste über Flensburg bis Süderlügum an der dänischen Grenze und hinunter nach Rendsburg. Dazu kommen Auszubildende aus dem Zentrallager in Wasbek.
Beim Alter entspricht die Gruppe nicht dem klassischen Bild vom „Schulabgänger mit 16“. „Wir haben von 18 bis 30 Jahren eigentlich alles querbeet dabei“, berichtet Ausbildungskoordinatorin Melina Schmidt. Mit Pascal, 31, der bald 32 wird, ist sogar ein Azubi dabei, der bereits eine komplette berufliche Laufbahn hinter sich hat. Vertreten sind klassische Auszubildende zu Verkäufern oder Kaufleuten im Einzelhandel, Teilnehmende des Abiturientenprogramms und angehende Handelsfachwirte.
Viele sind Quereinsteiger: Einige haben ein Studium begonnen und wieder abgebrochen, andere waren zuerst im Job oder auf Work-and-Travel-Tour und sind erst später in ein Ausbildungsprogramm eingestiegen. „Wir haben auch welche dabei, die erst als Aushilfe bei Lidl angefangen haben und dann gemerkt haben: Das ist cooler, als sie gedacht haben – und sich anschließend für eine Ausbildung entschieden haben“, sagt Schmidt.
Filialleiter auf Zeit: Enrico, 23
Die Rolle des Filialleiters in dieser Azubi-Woche übernimmt Enrico. Der 23-Jährige kommt aus der Lidl-Filiale in Heide, einer älteren, kleineren Niederlassung – Handewitt mit seiner modernen, größeren Bauweise ist für ihn ein Blick in die mögliche berufliche Zukunft.
„Es bringt extrem viel Spaß, die Filiale als Filialleiter zu führen, weil man die Führungsaufgaben, die man normalerweise mehr theoretischer Natur gelernt hat, endlich mal vernünftig anwenden kann“, sagt er. Enrico absolviert das Handelsfachwirt-Programm und ist im dritten Lehrjahr. Im Juni steht seine mündliche Abschlussprüfung an.
Sein Weg zu Lidl verlief nicht geradlinig: Nach dem Abitur bewarb er sich zum Studium in Hamburg, scheiterte jedoch am Numerus clausus. Ein Jahr bei der Post, ein Politik- und Pädagogikstudium in Kiel – dann die Erkenntnis, dass ihm die Praxis mehr liegt. „Ich bin eher ein praxisorientierter Mensch“, sagt er. Mit 21 entschied er sich für Lidl und den Handelsfachwirt.
In Handewitt funktioniert seine Rolle eher als Koordinator denn als „Mädchen für alles“. „Gerade weil wir in der Azubifiliale das Glück haben, dass wir viele Bewerber hatten, die wir annehmen konnten, geht es bei mir stark um Koordination“, sagt er. Er verteilt die Kolleginnen und Kollegen auf die verschiedenen Aufgaben, nimmt sich selbst eher kleinere Tätigkeiten und behält den Gesamtüberblick.
Einige Aspekte des Jobs haben ihn überrascht: „Ich hätte gedacht, dass es eher mehr Büroarbeit wird. Aber wie bei jeder anderen Stelle bei Lidl ist man doch zu 90 Prozent im Laden unterwegs“, sagt Enrico. Service, Technik, Wartung, Abstimmung mit Handwerkern – all das präge den Alltag stärker, als es von außen oft wirke.
Alltag auf Probe: Alle Prozesse in Azubi-Hand
Was sich nach Experiment anhört, ist für die Nachwuchskräfte gelebter Alltag auf Probe. Sämtliche typischen Filialaufgaben liegen für die Dauer der Projektwoche in ihren Händen: Morgens werden Warenannahme und Lkw-Entladung organisiert, Paletten verräumt, Frischekontrollen durchgeführt, Produkte rabattiert und Regale nachgefüllt.
Hinzu kommen Bestandskontrollen und Bestellungen, etwa für Obst und Gemüse, der gesamte Kassiervorgang, Abrechnung und Geldentsorgung. Kurz gesagt: Alles, was in einer Filiale täglich anfällt, läuft über die Azubis. „Von Ladenöffnung bis Ladenschluss übernehmen die Auszubildenden wirklich alle Prozesse – inklusive Führungsverantwortung“, sagt Tuleweit.
Damit das funktioniert, wurde die Besetzung bewusst großzügig geplant. „Es geht hier nicht darum, mit einer dünnen Personaldecke Rekorde zu brechen“, betont er. Ziel sei es, Verantwortung erlebbar zu machen – nicht, die Leistungsgrenze auszutesten. Vorab wurde gezielt geschaut, wer bereits Schichtführungserfahrung hat, wer besonders fit an der Kasse ist, wer im Aktionsbereich, beim Backen oder in der Bestellung. So sollen alle Bereiche fachlich abgedeckt sein.
„Auf Augenhöhe“: Lukas, 18, im zweiten Lehrjahr
Wie es sich anfühlt, als 18-Jähriger mitten in so einem Projekt zu stehen, beschreibt Lukas. Er kommt aus der Flensburger Filiale „Zur Bleiche“ und macht im zweiten Lehrjahr seine Ausbildung zum Verkäufer.
„Selbst schmeißen tue ich den Laden nicht, ich bin hier nicht die Schichtleitung“, sagt er. „Aber es ist schon eine ordentliche Herausforderung, beansprucht viel Disziplin – ist schon was Nettes so.“
Vor allem das Miteinander mit den Vorgesetzten hat ihn positiv überrascht: „Wir haben unseren Chef, unseren Schichtverantwortlichen, der sagt alles – und das ist auch so auf Augenhöhe“, erzählt Lukas. Es sei nicht der Ton von oben herab, vielmehr würden Kompromisse gefunden: „Wenn man eine Sache nicht unbedingt machen möchte, dann ist das auch okay. Man wird nicht wirklich zu etwas gezwungen.“
Die neue Filiale in Handewitt erlebt er auch technisch als nächste Stufe: „Die Technik hier – die Presse zum Beispiel, die Pfandpresse – deutlich neuer, Kassensysteme neuer“, sagt er. Zwar sei seine Heimatfiliale ebenfalls modern, „aber die Technik hier ist noch mal deutlich neuer“.
An seiner Berufswahl zweifelt er bisher nicht. Ob er langfristig bei Lidl bleiben wird, lässt er offen, aber: „Im Moment gefällt es mir schon ganz gut hier.“
Kommunikation als größte Herausforderung: Pascal, 31
Im Alltag zeigt sich schnell, wo die wahren Herausforderungen liegen – und es sind nicht die Regale. „Mit so vielen unterschiedlichen Menschen aus den unterschiedlichsten Filialen zu kommunizieren und das auch klar und deutlich zu tun, ist die größte Herausforderung“, sagt Pascal, Auszubildender aus der Filiale Friedrichstadt.
Denn zwar kennen alle das Tages- und Aktionsgeschäft, doch jede Filiale hat eigene Abläufe, jeder Mitarbeitende eigene Routinen. „Am Ende des Tages ist ja jeder ein bisschen verschieden, hat seine Eigenarten – und die Filialen auch“, so Pascal. Dass in Handewitt alle noch in Ausbildung oder im Abiturientenprogramm sind, ändere die Zusammenarbeit spürbar: „Man agiert hier noch mehr auf Augenhöhe.“
Pascal hat bereits eine Ausbildung zum Mechatroniker abgeschlossen, war mehrere Jahre selbstständig und pflegte zuletzt seine Großmutter. „Ich brauchte was anderes, um mein Leben noch ein bisschen zu verändern“, sagt er. Zurück ins Handwerk wollte er nicht. „Ich wollte was, wo ich mich betätige, was mit Zahlen zu tun habe, mit Menschen, und nicht mehr nur für mich selbst bin.“ So landete er „durch Zufall“ in der Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel bei Lidl.
Mit Anfang 30 ist er der Älteste im Team. „Ich bin mit Abstand der Älteste hier“, sagt er lachend. Gerade deshalb sieht er sich gelegentlich als eine Art Mediator, wenn Kleinigkeiten sich hochschaukeln. Insgesamt sei das Miteinander aber „Hammer – genauso, wie man es wollte“.
Grenzhandel und Warendruck: Bastian, 21, aus Süderlügum
Bastian, 21, macht wie Enrico den Handelsfachwirt. Seine Stammfiliale liegt in Süderlügum – eine klassische Grenzfiliale nahe Dänemark. „Die Filialen unterscheiden sich schon mal im Konzept“, sagt er. „Süderlügum ist eine Grenzfiliale, da haben wir also Grenzhandel. Das ist ein ganz anderes Arbeiten als hier.“
Der Warendruck sei dort höher, schätzt er: „Mehr Ware und weniger Zeit.“ Entsprechend empfindet er die Woche in Handewitt als wohltuende Abwechslung. Gleichzeitig bringt er besondere Kompetenzen mit: Rund 80 Prozent der Kundschaft in Süderlügum sind nach seiner Einschätzung Dänen. „Ich spreche auch Dänisch, das habe ich in der Schule gelernt und dann bei der Arbeit vertieft“, sagt er.
Im Projekt übernimmt er teils Schichtleitungen: „Als Schichtleitung hat man natürlich Sachen wie das Büro oder die Personalplanung und solche Geschichten.“ An anderen Tagen gehört er wie alle zu den „Allroundern“: Ware packen, kassieren, alles, was anfällt. Respekt, sagt er, sei unter den Auszubildenden selbstverständlich – unabhängig von Alter oder Ausbildungsstand. „Ich habe mich hier die ganze Zeit respektiert gefühlt.“
Am meisten Spaß? „Auf jeden Fall das Miteinander mit den Kollegen und Leute kennenzulernen aus ganz anderen Filialen, mit anderen Ansichten und anderen Abläufen – das ist schon cool.“
Logistik trifft Ladenalltag: Annika aus dem Zentrallager
Nicht alle Nachwuchskräfte kommen aus Filialen. Annika ist 22 Jahre alt, im dritten Jahr des Abiturientenprogramms – und normalerweise im Zentrallager in Wasbek eingesetzt. Für sie ist die Woche in Handewitt ein kompletter Perspektivwechsel.
„Ich bin tatsächlich gar nicht in der Filiale tätig, sondern im Hintergrund im Zentrallager“, sagt sie. In Handewitt lernt sie nun, wie der Alltag in der Filiale wirklich aussieht: Welche Strukturen gibt es, wie laufen Prozesse, wo hakt es in der Zusammenarbeit? Ziel sei es, „dieses Zwischeneinander zwischen Filiale und Zentrallager einfach noch mal zu verbessern“.
Ein Effekt zeigt sich bereits: „Wenn jemand aus der Filiale anruft und sagt, wir sind total im Stress, wir brauchen das und das – dann hat man jetzt ein ganz anderes Verständnis dafür“, so Annika. Umgekehrt solle auch die Filiale besser nachvollziehen können, wenn im Lager einmal etwas schief gehe. „Es ist einfach gegenseitiges Verständnis und bessere Zusammenarbeit.“
„Alle nett, alle kontaktfähig“ – Teamgefühl und Ferienwohnung
Zwischenmenschlich scheint das Konzept aufzugehen. „Alle tipptopp, alle nett, alle kontaktfähig. Echt klasse“, fasst Lukas seine Eindrücke zusammen.
Das mag auch an der besonderen Wohnsituation liegen: Ein Großteil der 21 Teilnehmenden wohnt während der Woche gemeinsam in einer Ferienunterkunft in der Nähe, pendelt also nicht täglich von zu Hause. „Wir verstehen uns eigentlich alle super“, sagt Annika. Man teile sich Zimmer, verbringe die Abende miteinander, esse gemeinsam.
Auf dem Programm stehen Padel, Minigolf, Escape Room, Bowling, Pizza-Abende und Raclette. „Das schweißt natürlich zusammen“, sagt Ausbildungskoordinatorin Schmidt. Man merke deutlich, dass die Auszubildenden dadurch motivierter seien, sich gegenseitig zu unterstützen – und die Verantwortlichen bekommen im persönlichen Austausch zusätzlich mit, was über den Tag in der Filiale passiert ist.
Projekt unter Beobachtung – aber ohne Netz im Markt
Ganz allein gelassen werden die Azubis jedoch nicht. Auf der Fläche arbeiten zwar ausschließlich Nachwuchskräfte, im Hintergrund gibt es aber ein enges Netz an Ansprechpartnern. Ein Verkaufsleiter, der mehrere Filialen im Gebiet betreut, schaut täglich vorbei. Dazu sind Tuleweit und Schmidt regelmäßig im Markt – in einer klar definierten Rolle: „Wir sind unterstützende Parts“, sagt Tuleweit.
Dreimal am Tag wird die Filiale gemeinsam begangen: morgens zur Öffnung, mittags sowie am Nachmittag. Dann werden Abläufe, Präsentation der Ware und eventuelle Probleme besprochen. Was lief gut, wo gibt es Luft nach oben? Wurden genug Brötchen gebacken, ist die Frische im Blick, stimmen Bestände und Bestellungen?
Nach eigenen Angaben lief in der aktuellen Runde bisher alles glatt. „Wir haben keine großen Ausfälle gehabt, alle Kunden sind zufrieden rausgegangen, der Laden sieht sehr, sehr gut aus“, sagt Tuleweit. Konflikte im Team habe es bislang nicht gegeben, eher das Gegenteil: „Die Stimmung ist richtig gut, die haben richtig Spaß miteinander.“
Kundenreaktionen: Neugier statt Skepsis
Und wie reagieren die Kunden? Viele bemerken den besonderen Filialbetrieb nach Einschätzung der Verantwortlichen zunächst gar nicht. Zwar hängen an Einfahrt und Gebäude große Banner, auch in Nachbarfilialen wurden Plakate und Flyer verteilt. Dennoch liest nicht jeder die Hinweise.
„Die meisten merken es gar nicht“, sagt Lukas. Besonders ältere Stammkunden aber reagierten positiv: „Viele haben schon gesagt: Das ist ja echt cool.“
Negative Reaktionen habe es bisher nicht gegeben, betonen die Verantwortlichen. Im Gegenteil: Wer mitbekomme, dass die Filiale von Auszubildenden geführt wird, reagiere meist interessiert. „Die freuen sich, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen können“, sagt Tuleweit. Manche Kunden stellten bewusst zusätzliche Fragen, um die Nachwuchskräfte zu fordern – im Wissen, dass im Hintergrund noch erfahrene Ansprechpartner erreichbar sind, sollte etwa ein Kühlungs- oder Stromausfall auftreten.
Sechste Runde – und für viele ein Karrieresprungbrett
Für die Regionalgesellschaft Wasbek ist es bereits das sechste Mal, dass ein solcher „Azubi-Markt“ läuft. Nach jeder Runde wird das Konzept nachjustiert – auch anhand des Feedbacks der Teilnehmenden. Einige Nachwuchskräfte sind schon zum zweiten Mal dabei.
„Mittlerweile sind wir an einem Stand, wo unsere Nachwuchskräfte da einfach mega viel Spaß dran haben und für sich erkannt haben: Das ist eine coole Chance, noch mal zu zeigen, was kann ich“, sagt Schmidt.
Für Azubis wie Enrico ist die Woche mehr als ein Projekt: Sie ist ein Probelauf für den gewünschten Job als Filialleiter. Für Quereinsteiger wie Pascal ein Baustein eines späten beruflichen Neustarts. Für Logistikerinnen wie Annika eine Lehrstunde in Sachen Filialrealität. Für Lukas und Bastian eine frühe Bewährungsprobe im zweiten beziehungsweise dritten Ausbildungsjahr.
Enrico fasst es so zusammen: „Gerade im letzten Lehrjahr ist es unfassbar angenehm, so eine Chance zu haben, einen anderen Alltag kennenzulernen. Und dass das hier noch dazu eine ganz andere, moderne Filiale ist – das ist natürlich super.“