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35 Jahre nach Tschernobyl: Schleswig-Holstein schaltet den letzten Atommeiler ab

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Schleswig-Holstein - "Ich bin erleichtert, dass ich Ende des Jahres den letzten Atommeiler in Schleswig-Holstein vom Netz nehmen darf" sagt Jan Albrecht - Archivfoto: Iwersen

Energiewendeminister Jan Philipp Albrecht hat anlässlich des 35. Jahrestags der Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 der Opfer gedacht und dazu aufgerufen, den Ausstieg aus der Atomkraft entschlossen und im internationalen Maßstab fortzusetzen.

In einem Reaktorblock des Kernkraftwerks Tschernobyl war es am 26. April 1986 bei der Durchführung eines Experiments wegen der mangelhaften Konzeption des Reaktortyps und unter Missachtung von Betriebsvorschriften durch das Wartungspersonal zu einer gewaltigen Explosion gekommen. Diese hatte den über 1000 Tonnen schweren Deckel des Reaktors und das Reaktorgebäudedach in die Luft gesprengt. Das im Reaktor befindliche Graphit geriet in Brand, ein Teil des radioaktiven Inventars wurde durch die aufsteigende Hitze bis in große Höhen der Atmosphäre getragen und verteilte sich über weite Teile Europas und des Nahen Ostens.

„Der Sarkophag über dem explodierten Reaktor ist ein dunkles Mahnmal des Atomzeitalters. Kernkraftwerke haben nach dem Zweiten Weltkrieg Energie für den industriellen Aufschwung in Europa geliefert. Doch ihr Betrieb birgt unkontrollierbare Risiken und geht mit der gefährlichen und kostenintensiven Lagerung hoch-radioaktiver Stoffe zu Lasten kommender Generationen einher“, sagte Albrecht. „Ich bin erleichtert, dass ich Ende des Jahres den letzten Atommeiler in Schleswig-Holstein vom Netz nehmen darf. Nun muss es darauf ankommen, den Atomausstieg nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa zu erreichen. Wer Laufzeiten verlängert oder gar neue Atomreaktoren baut, riskiert auch neue schwere Störfälle. Dabei passen sie schon längst nicht mehr in das Zeitalter der Erneuerbaren Energien, die mit Blick auf die Kosten längst günstiger und wettbewerbsfähiger sind.“

Die Katastrophe von Tschernobyl wurde – ebenso wie der Unfall im japanischen Fukushima 2011 – auf der höchsten Stufe (Katastrophaler Unfall, Stufe 7) der internationalen Störfallskala „INES“ (International Nuclear Event Scale) eingeordnet. Die radioaktiven Freisetzungen aus der Tschernobyl-Havarie übertrafen allerdings die aus dem Fukushima-Unfall um das Zehnfache.

Das solltest du noch über die Katastrophe wissen:

Nicht nur die Ukraine wurde 1986 radioaktiv belastet. Der Fallout traf vor allem das benachbarte Belarus, später dann auch Skandinavien und Westeuropa. Im Frühjahr und Sommer 1986 betrug die Anzahl der Evakuierten laut Bundesumweltministerium etwa 116.000 und in den Folgejahren zusätzlich 220.000. Die Sperrzone um Tschernobyl ist 4000 Quadratkilometer groß. Für eine erneute Besiedlung dürfte die Hälfte dieses Gebiets noch auf unabsehbare Zeit zu stark radioaktiv belastet bleiben. Bis es verantwortbar sein wird, die andere Hälfte des Gebiets wieder zu besiedeln, werden noch Jahrzehnte vergehen.

Wie viele Menschen an den Folgen der Reaktorkatastrophe gestorben sind, ist umstritten. Unstreitig ist dagegen, dass der Unfall zu einer erheblichen Steigerung der Anzahl von Schilddrüsenkrebserkrankungen geführt hat. In einigen Fällen kam es dadurch zu Todesfällen, in anderen gelang es laut Bundesumweltministerium, nach operativer Entfernung der Schilddrüse eine erfolgreiche Radiojodtherapie durchzuführen.

In Tschernobyl wurde die Reaktorruine – mit noch 96 Prozent des Kernbrennstoffs – vor knapp zwei Jahren bereits mit dem zweiten „Sarkophag“ überbaut. Nachdem der erste Sarkophag nur etwa 30 Jahre gehalten hat, werden dem zweiten 100 Jahre prognostiziert. Über 40 Staaten sind an den Investitionskosten von rund zwei Milliarden Euro beteiligt. Der havarierte Reaktor soll in den nächsten Jahrzehnten schrittweise abgebaut werden. Ziel ist eine geordnete Entsorgung, zu der vor allem gehört, das hochradioradioaktive Material in tiefen geologischen Schichten endzulagern.

Bestimmte Pilz- und Wildarten sind nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz in einigen Gegenden Deutschlands durch die Reaktorkatastrophe im weit über 1000 Kilometer entfernten Tschernobyl noch immer stark mit Cäsium-137 belastet. Bis heute werden nach Feststellungen des Bundesamtes Werte von bis zu mehreren Tausend Becquerel pro Kilogramm bei Wild und bei bestimmten Speisepilzen gemessen. In Deutschland ist es nicht erlaubt, Lebensmittel mit einem Radiocäsiumgehalt von mehr als 600 Becquerel pro Kilogramm in den Handel zu bringen.

Das erste Kernkraftwerk der Welt, das nach der Tschernobyl-Katastrophe ans Netz ging, war Brokdorf in Schleswig-Holstein im Oktober 1986. Insgesamt hatten damals weltweit 284 Reaktoren eine Betriebsgenehmigung. Diese Zahl stieg in den folgenden 20 Jahren auf 444 an und ist seitdem konstant geblieben. Momentan sind weitere Atomkraftwerke in Bau oder in Planung, wie z.B. zwei Reaktoren am Standort Sizewell im südöstlichen England. Polen, das bisher keinerlei Erfahrung mit dem Betrieb von Kernkraftwerken hat, plant sogar den Bau von sechs Reaktorblöcken an bisher noch nicht festgelegten Standorten. Nach Angaben der polnischen Regierung sollen von diesen keine grenzüberschreitenden Umweltauswirkungen ausgehen.

Foto: Tschernobyl: Ingmar Runge


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