Studie: Fast alle Schildkröten in Deutschland eingeschleppt
02.06.26 17:32 · Service-Redaktion
Forscher der Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden werteten für ihre Untersuchung wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie Beobachtungen aus Citizen-Science-Projekten aus. Ziel war es, die Artenvielfalt nicht-heimischer Wasserschildkröten zu erfassen, ihre Verbreitung zu analysieren und den Einfluss menschlicher Aktivitäten auf ihre Ausbreitung zu untersuchen.
Dominanz einer Art
Mit großem Abstand am häufigsten nachgewiesen wurde die Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta). Auf sie entfallen 1.237 Beobachtungen - rund 70 Prozent aller erfassten Nachweise. Die ursprünglich aus der Mississippi-Region der USA stammende Art gilt inzwischen als weltweit verbreitet und kommt heute in zahlreichen deutschen Gewässern vor. Ihre Ausbreitung wird vor allem auf ausgesetzte Haustiere zurückgeführt.
Auf den weiteren Plätzen folgen die Gewöhnliche Schmuckschildkröte (Pseudemys concinna) sowie die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte (Graptemys pseudogeographica). Alle drei Arten zählen zu den beliebtesten Wasserschildkröten im Heimtierhandel.
Heimische Art bleibt Ausnahme
Die einzige ursprünglich in Deutschland heimische Wasserschildkröte ist die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis). Allerdings stammen die meisten heute vorkommenden Bestände aus früheren Aussetzungen oder Wiederansiedlungsmaßnahmen. Als ursprünglich heimisch gelten nur noch wenige Populationen, insbesondere in Brandenburg.
Schwerpunkte in Ballungsräumen
Besonders auffällig ist laut Studie der Zusammenhang zwischen der Verbreitung der Schildkröten und dem Grad der Urbanisierung. Die höchste Artenvielfalt sowie die meisten Nachweise wurden in Städten und deren Umgebung registriert. Verbreitungsschwerpunkte liegen unter anderem im Raum Hamburg, im Ruhrgebiet, rund um Frankfurt am Main, Heidelberg, Freiburg, Stuttgart und München. In Ostdeutschland konzentrieren sich die Nachweise vor allem auf den Großraum Berlin sowie einzelne Gebiete bei Leipzig.
Die Forscher sehen darin einen deutlichen Hinweis auf den Einfluss des Menschen. Vor allem das Aussetzen unerwünschter Haustiere dürfte eine zentrale Rolle bei der Verbreitung der Tiere spielen. Viele der Arten galten über Jahrzehnte als günstig, pflegeleicht und attraktiv und wurden deshalb millionenfach gehandelt.
Folgen des Heimtierhandels
Besondere Bedeutung kommt dabei der Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) zu. Die Unterart wurde seit den 1950er Jahren weltweit in großen Stückzahlen verkauft und zählt zu den am häufigsten gehandelten Reptilien überhaupt. Nachdem die Europäische Union ihren Import 1997 wegen des hohen Invasionsrisikos untersagt hatte, verlagerte sich der Handel auf andere Unterarten und Hybriden der Buchstaben-Schmuckschildkröte.
Von den 14 nachgewiesenen nicht-heimischen Wasserschildkrötenarten haben sich bislang drei dauerhaft in freier Natur etabliert. Offiziell als invasive Art eingestuft ist derzeit jedoch nur Trachemys scripta.
Klimawandel könnte Entwicklung beschleunigen
Die Forscher warnen dennoch vor möglichen Folgen des Klimawandels: Steigende Temperaturen könnten künftig weiteren Arten eine erfolgreiche Fortpflanzung ermöglichen und ihre Ausbreitung begünstigen.
Vor diesem Hintergrund fordern die Autoren der Studie ein intensiveres Monitoring sowie mehr Präventions- und Aufklärungsarbeit. Zudem sei ein enger Austausch zwischen Behörden, Natur- und Tierschutzorganisationen, Wissenschaft, Tierhandel und Haltern notwendig, um geeignete Lösungen für den Umgang mit gebietsfremden Schildkröten zu entwickeln.
Bürger können Daten beitragen
Zur besseren Erfassung der Bestände Bürger Schildkrötenbeobachtungen über die Plattform iNaturalist im Projekt "Turtles of Germany" melden. Die gesammelten Daten sollen helfen, die Verbreitung der Tiere genauer zu dokumentieren und geeignete Schutzmaßnahmen für heimische Ökosysteme zu entwickeln.
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