App „Bist du tot“: Chinesische Notfall-Anwendung für Alleinlebende wird weltweit zum Bestseller
| von Thomsen / Foerde.news
Gesundheit – Allein zu leben ist längst kein Randphänomen mehr, sondern für Millionen Menschen Realität – in Europa ebenso wie in Asien. In Deutschland wohnt nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts inzwischen etwa jede fünfte Person in einem Single-Haushalt, der Anteil liegt damit deutlich über dem EU-Durchschnitt. In China sprechen Schätzungen von bis zu 200 Millionen Einpersonenhaushalten und einem Single-Anteil von über 30 Prozent.
In diese Entwicklung hinein platzt eine App mit einem Namen, der kaum drastischer sein könnte: „Are You Dead (Bist du tot)?“ – in China unter dem Namen „Sileme“ bekannt, international als „Demumu“ vermarktet. Ihr Zweck ist ebenso simpel wie radikal: sicherstellen, dass jemand nach einem sieht, wenn man sich selbst nicht mehr melden kann.
Ein Knopf, ein Kontakt, ein Alarm
Technisch ist „Demumu“ beinahe spartanisch. Nach dem Start erscheint ein einzelner großer grüner Knopf. Darüber tragen Nutzer ihren Namen und die E-Mail-Adresse eines Notfallkontakts ein – etwa von Angehörigen, Freunden oder Nachbarn. Weder Registrierung noch Werbeeinblendungen stören den Ablauf, auch auf komplizierte Menüs verzichtet die App.
Das Prinzip: Wer die Anwendung nutzt, soll in regelmäßigen Abständen „einchecken“, indem er den Knopf antippt. In der derzeit international verfügbaren Version ist alle zwei Tage eine Bestätigung fällig. Bleibt der Check aus, versendet das System am dritten Tag automatisch eine E-Mail an die hinterlegte Kontaktperson mit dem Hinweis, dass sich der Nutzer nicht mehr gemeldet hat.
So wird aus einer minimalistisch designten App ein digitales Überwachungssystem im kleinsten Maßstab – auf ausdrücklichen Wunsch derjenigen, die es nutzen. Gerade für alleinlebende Ältere oder Menschen mit Vorerkrankungen kann das im Ernstfall entscheidend sein.
Der 38-jährige Chinese Wilson Hou schildert seine Motivation gegenüber der BBC so:
„Ich mache mir Sorgen, dass ich, wenn mir etwas zustoßen sollte, allein in meiner Mietwohnung sterben könnte und niemand davon erfahren würde. Deshalb habe ich die App heruntergeladen und meine Mutter als Notfallkontakt angegeben.“
Vom Nischenprojekt zum Bestseller
Obwohl die App bereits 2025 an den Start ging, explodierte die Aufmerksamkeit erst deutlich später. In China schoss „Sileme“ innerhalb weniger Tage an die Spitze der Ranglisten für kostenpflichtige Apps im iOS-Store. Auch international klettert „Demumu“ in den Charts. In Deutschland landete die Anwendung Mitte Januar 2026 bereits auf einem der vorderen Plätze unter den kostenpflichtigen Dienstprogrammen, trotz eines – wenn auch niedrigen – Kaufpreises.
Hinter dem Projekt steht ein kleines Entwicklerteam, das sich selbst als von drei nach 1995 Geborenen gegründetes Start-up beschreibt, mit Sitz in Zhengzhou in der Provinz Henan. Über Chinas Kurznachrichtendienst Weibo bedankte sich das Unternehmen bei den Nutzerinnen und Nutzern und betonte, man sei ursprünglich ein weitgehend unbekanntes Team gewesen, das nun unerwartet im Rampenlicht stehe.
Der Erfolg hat Folgen: Die Betreiber führten ein Bezahlmodell ein, um die laufenden Kosten zu decken. In China kostet die Nutzung acht Yuan, im Hongkonger App Store wird ein Preis von acht Hongkong-Dollar ausgewiesen. In westlichen App Stores liegt der Betrag umgerechnet knapp über einem Euro.
„Bist du tot?“ – Tabubruch mit Sicherheitsversprechen
Besonders der Name der App sorgt für Diskussionen. „Are You Dead?“ beziehungsweise „Bist du tot?“ ist alles andere als zurückhaltend. In chinesischen sozialen Medien wird heftig darüber gestritten, ob eine derart drastische Formulierung zynisch oder befreiend ist.
Einige Nutzerinnen und Nutzer fordern, den Titel beizubehalten, andere schlagen weichere Varianten wie „Are you alive“, „Are you online“ oder „Are you there“ vor. Ein Kommentator bringt die ambivalente Haltung auf den Punkt:
„Manche Konservative können das vielleicht nicht akzeptieren, aber es ist hilfreich für die Sicherheit. Es wird uns Unverheirateten ein sichereres Gefühl geben, unser Leben unbeschwerter zu verbringen.“
Die Entwickler reagieren auf die Debatte mit einem Rebranding: Künftig soll die App international unter der Marke „Demumu“ auftreten, während „Sileme“ der chinesische Name bleibt. In den App-Charts ist die neue Bezeichnung bereits sichtbar.
Schlanke App, begrenzte Daten – aber offene Fragen
In der Praxis fällt neben der schlichten Oberfläche auch der begrenzte Umfang der Datenerhebung auf. Laut den Angaben in den App Stores speichert „Demumu“ im Wesentlichen die Kontaktdaten, die Apple- und Geräte-ID sowie Interaktionsdaten innerhalb der App. Weitere Zugriffsrechte sind nicht vorgesehen.
Gleichzeitig schließt sich das Unternehmen in den Nutzungsbedingungen von Haftungsansprüchen bei möglichen Datenpannen aus und behält sich vor, bestimmte Informationen auch nach einer Deinstallation der App zu behalten. Für Datenschutzexpertinnen und -experten dürfte das Anlass für kritische Nachfragen sein – zumal es sich um ein kleines, international wenig bekanntes Entwicklerteam handelt.
Technische Grenzen und gesellschaftliche Dimension
Noch ist „Demumu“ weit davon entfernt, ein vollwertiges digitales Notrufsystem zu ersetzen. Die App ist derzeit nur für iOS verfügbar; eine Android-Version fehlt. Eine deutsche Sprachversion existiert bislang ebenfalls nicht, alle Hinweise sind auf Englisch gehalten. Zudem basiert das System ausschließlich auf dem Ausbleiben eines Klicks – es gibt keine Sensorik, keine Standortdaten, keine automatische Sturzerkennung.
Trotz dieser Beschränkungen berührt das Konzept einen wunden Punkt moderner Gesellschaften: Wer alleine lebt, kann im Ernstfall schlicht übersehen werden. Traditionelle soziale Netze – Familienverbünde, Nachbarschaften, Mehrgenerationenhaushalte – lösen sich vielerorts auf oder werden schwächer. Digitale Werkzeuge wie „Demumu“ versuchen, diese Lücke zumindest teilweise zu schließen.
Dass eine App, die im Kern nur nachfragt, ob man noch lebt, zum Bestseller wird, sagt deshalb weniger über Techniktrends aus als über eine gesellschaftliche Realität: Einsamkeit und Alleinleben sind kein Randthema mehr, sondern Normalität. Und die Angst, im Ernstfall unbemerkt zu bleiben, ist offenbar groß genug, dass viele Menschen bereit sind, für ein digital organisiertes Lebenszeichen zu bezahlen.